Kann man mit einer Studie etwas beweisen?

Immer wieder finden in Foren Grundsatzdiskussionen über bestimmte Themen statt, sei es über Schilddrüse und insbesondere Hashimoto, sei es über Borreliose, Sarkoidose oder Vitamine. Dabei prallen aus meiner Sicht Welten aufeinander, argumentiert wird leidenschaftlich, manchmal gar verletzend. Gerne wird immer wieder geäußert, dass viele Ärzte von einem Thema keine Ahnung haben. Leider gibt es eine ganze Reihe Foren zu verschiedenen Erkrankungen, in denen das so ist.

Haben Ärzte wirklich keine Ahnung, wie man uns glauben lassen will?

Wie überall im Leben, so ist es auch bei Ärzten. Es gibt gute, und es gibt schlechte. Das ist unbestritten. Leider ist unsere Gesundheitspolitik derzeit auch so gestaltet, dass viele Ärzte nicht gerade motiviert werden, hier ein besonderes Engagement zu entwickeln. Wer meine Veröffentlichungen im Internet kennt, weiß, dass ich das oft bedaure und auch kritisiere.

Andererseits bin ich auch kein Freund pauschaler Verurteilungen, darum stelle ich mich oft gegen Meinungen, in denen Ärzten pauschal Fehlverhalten vorgeworfen wird, und wenn ich Gründe für eine solche Meinung erfrage, sehe ich zwar oft (durchaus verständliche) Enttäuschungen der Betroffenen, aber leider nur selten wirkliches Wissen, welches zu der Aussage berechtigt, dass Ärzte über ein Thema nicht Bescheid wissen.

Diese Grundsätzlichkeit will ich überhaupt nicht kritisieren, ich weiß sehr wohl um die Problematik der Arzt-Patienten-Beziehung in der heutigen Zeit, obwohl vieles aus meiner Sicht schon deutlich besser geworden ist als zu den Zeiten, in denen Patienten Ärzten blind glauben mussten, oder im wahrsten Sinne des Wortes einen Einlauf verpasst bekamen. Ich kann auch sehr gut nachvollziehen, dass Betroffenen, die monate- oder jahrelang nach einer Lösung für die eigenen Beschwerden suchen, irgendwann selbst versuchen, sich das nötige Wissen anzueignen, und aus lauter Verzweiflung wirklich alles glauben, was sie irgendwo zu lesen oder hören bekommen.

Ich möchte hier einmal einige allgemeine Erläuterungen anbringen, die dem an Objektivität interessierten Leser vielleicht ermöglichen, meine Meinungen (die ich ja durchaus engagiert vertrete) näher zu verstehen.

Aus meiner Sicht ist das Internet Fluch und Segen zugleich. Segen, weil man viele Informationen bekommen kann, aber Fluch, weil man sie nicht erläutert bekommt, weil keine Möglichkeit besteht, Infos auf den Wahrheitsgehalt zu prüfen, und weil auch im Internet (und nicht nur dort) versucht wird, Lesende zu manipulieren.

Es werden im Internet viele Infos veröffentlicht, teilweise auch solche mit wissenschaftlichem Anspruch, die sich als solche dann "Studie" nennen oder von den hier Argumentierenden Studie genannt werden. Das meine ich nicht negativ, sondern zunächst als Beschreibung dessen, wie ich es erlebe.

Lassen Sie mich einmal versuchen, in wenigen hoffentlich verständlichen Worten etwas zur Wissenschaftlichkeit einer Studie, zu deren Aussagekraft und damit Verwendungsfähigkeit zu sagen.

Studien werden in der Regel dazu durchgeführt, um wissenschaftliche Erkenntnisse zu gewinnen, mit deren Ergebnis man entweder neue Folgestudien starten kann, oder die einen direkten Einfluss auf Diagnostik oder Therapie einer Erkrankung haben. Dabei ist es wichtig, im Rahmen dieser Studien Störeinflüsse, die also das Endergebnis verfälschen würden, zu vermeiden. Dies macht man in der Regel zum Beispiel dadurch, dass man darauf achtet, dass die zwei Gruppen, die man vergleichen möchte (z. B. eine Gruppe mit einem Medikament, die andere ohne dieses Medikament), gleich zusammengesetzt sind. Diese müssen also im Durchschnitt die gleiche Geschlechtsverteilung, das gleiche Alter, die gleiche Bildung, die gleichen Vorerkrankungen, die gleichen Ausgangsvoraussetzungen usw. haben. Ferner dürfte ziemlich einleuchtend sein, dass eine allgemeingültige Aussage nur dann getroffen werden kann, wenn die beiden Gruppen ausreichend groß waren/sind, um zufällige (rein statistisch aber eben mögliche) Ereignisse zu vermeiden. Außerdem muss vermieden werden, dass Erwartungshaltungen der Testpersonen oder auch der auswertenden Wissenschaftler nicht durch falsche Interpretationen in das Ergebnis der Studie mit einfließen.

Sie sehen also schon, wie schwierig es ist, eine solche Studie überhaupt zu starten. Lassen Sie mich sagen, dass viele Studien sich eben nicht an diese Voraussetzungen halten. Damit sind sie zwar nicht per se unsinnig, aber die Kraft ihrer Aussage wird schwächer, die wissenschaftliche Qualität einer Studie sinkt erheblich.

Und was ist, wenn es zu einer Fragestellung fünf Studien gibt, die aber alle zu unterschiedlichen Ergebnisse kommen? Wer hat denn dann Recht?

Und was ist, wenn in der Studie einfach falsche Schlussfolgerungen getroffen werden (jaja, auch so etwas kommt vor). Im Deutschen Medizin Forum hat Herr Dr. Jäckel auf einen Artikel hingewiesen, in dem diese Problematik besprochen wurde. Den Link liefere ich hier gerne noch einmal, weil dies einfach unendlich wichtig ist.

(Zitierweise dieses Beitrags: Dt Ärztebl 1996; 93: A-3280–3283 [Heft 49])

Wenn zwei Dinge zeitgleich auftreten, heißt das eben noch lange nicht, dass das eine die Ursache des anderen ist. Es muss kein Zusammenhang bestehen, es kann ein Zusammenhang bestehen, oder es gibt eine dritte (und vierte…) Komponente, die Einfluss auf beide Dinge hat bzw. haben kann.

Nicht klar? Nun, ich könnte Ihnen problemlos in einer Studie nachweisen, das Autos für die Kinderlosigkeit der Deutschen verantwortlich sind, dass Vielfliegen unfruchtbar macht und das Menschen, die viele Bananen essen, reicher werden....

Und lassen Sie mich sagen, dass es zu manchen Fragestellungen einige hundert Studien gibt, die trotzdem teilweise sehr unterschiedliche Ergebnisse präsentieren.

Können Sie unter diesem Gesichtspunkt vielleicht verstehen, warum ich von den Ergebnissen einer einzelnen, hier in manchen Diskussionen zitierten Studie meist nicht wirklich beeindruckt bin?

  1. Erste Frage: Erfüllt die Studie wenigsten die grundlegenden Anforderungen an Wissenschaftlichkeit? (Siehe Erläuterungen oben.)
  2. Zweite Frage: Ist die Anzahl der untersuchten Menschen groß genug, um eine allgemeingültige Aussage zu treffen, die weltweit Gültigkeit haben kann? (Logisch, dass man nicht von 500 Probanden auf 6 Milliarden Menschen schließen kann!)
  3. Dritte Frage: Gibt es vielleicht andere gleichrangige Studien, die zu einem anderen Ergebnis gekommen sind? (Ist sehr oft der Fall.)
  4. Vierte Frage, fünfte Frage usw....

Ich möchte Ihnen den Rest ersparen, vielleicht noch folgendes: Wo wurde die Studie veröffentlicht?

  • Im Internet alleine? Dann kann man sie getrost vergessen! Denn von wissenschaftlichen Fachzeitschriften wurde sie offensichtlich abgelehnt
  • In einer der zahlreichen von der Pharmafirma gesponserten Zeitschriften (die ich täglich in der Praxis erhalte, die ich nie bestellt habe, und für die ich trotzdem offensichtlich ein kostenloses Abo habe, obwohl sie eigentlich Geld kosten)? Auch dann dürfte die wissenschaftliche Aussagekraft sehr begrenzt sein.
  • Oder gehört sie zu den wenigen Studien, die man zwar möglicherweise nicht im Internet findet, dafür aber in einer der wenigen hochrangigen, aber wissenschaftlich allgemein akzeptierten Fachjournale? Dann zumindest besteht eine gewisse Wahrscheinlichkeit, dass die Studie später einmal als wegweisend für Diagnostik und Therapie bewertet werden kann, die wirkliche neue Erkenntnisse hinsichtlich Diagnostik und Therapie erbracht hat.

Verstehen Sie die Problematik? Ich möchte sie wie folgt zusammenfassen:

  • Das Zitieren einer einzelnen Studie, in der angeblich etwas bewiesen wurde, reicht als Rechtfertigung für ein Argument leider nicht aus. Das gilt nicht nur für Hashimoto, Borreliose, Sarkoidose oder Vitamine. Das gilt generell. Man muss die gesamte Datenlage prüfen, da verschiedene Studien sich oft widersprechen.
  • Eine Studie muss immer auf Wissenschaftlichkeit geprüft werden. Eine bloße Behauptung reicht nicht aus. Wurden die (von mir oben angerissenen) Vorbedingungen für eine Studie erfüllt?
  • Um gültige Ergebnisse zu bekommen, muss die Anzahl der in der Studie eingeschlossenen Menschen möglichst hoch sein. Eine kleine Studie lässt niemals Rückschlüsse auf eine große Population zu.
  • Ereignisse, die zeitgleich auftreten, müssen deswegen trotzdem nicht in einem Zusammenhang stehen. Und wenn doch ein solcher vermutet wird, muss geprüft werden, wie der Zusammenhang genau aussieht. Beispiel: Wenn Beschwerden und Blutwertveränderungen zeitgleich auftreten, muss zunächst ein zufälliges Auftreten ausgeschlossen werden. Danach muss man sich fragen, ob die Beschwerden den Blutwert veränderten, oder ob umgekehrt die veränderten Blutwerte die Beschwerden auslösten, oder ob drittens eine weitere noch unbekannte Situation sowohl zu den Beschwerden führte als auch die Blutwertveränderungen auslöste.

Und man muss sich mit der wissenschaftlichen Statistik genau auseinandersetzen, denn sonst kann man damit leicht etwas beweisen, was gar nicht stimmt.

Liebe Gäste, ich hoffe, ich konnte nachvollziehbar und verständlich die Problematik von Diskussionen hier, die Problematik einzelner Studien und wissenschaftlicher Denkweise überhaupt darstellen. Ich hoffe, ich konnte Ihnen ein wenig Hintergrund liefern, warum ich in Foren auf einzelne Studien nicht so eingehe – weil es nämlich meist nicht wissenschaftlich ist. Und ich würde mir wünschen, dass diejenigen, die Ärzten gerne Unwissen unterstellen, sich vorher einmal durch meine Ausführungen kämpfen und versuchen zu verstehen, warum Ärzte manchmal anders denken und zu anderen Ergebnissen kommen, als man als Patient gerne hätte.

Dieser Beitrag wurde in ähnlicher Form im Forum für Innere und Allgemeinmedizin veröffentlicht und dort zur Diskussion freigegeben.