TSH und Schilddrüse. Diskussionen um den Grenzwert.

Schon seit Jahren gibt es in Deutschland und international eine Diskussion darüber, in welchem Bereich der obere Grenzwert des TSH anzusiedeln sei. Immer wieder ist auf diversen Internetseiten zu lesen, dass der obere Grenzwert von TSH bei 2,5 mU/l statt bei 4 bis 4,5 mU/l liegt, und dass man auch mit normalem TSH eine Unterfunktion der Schilddrüse haben kann. Diese Werte werden als aktuell verkauft, gleichzeitig wird Laboren und Ärzten, die sich nicht daran halten, Unwissen vorgeworfen.

Jedoch ist dieser Vorwurf ungerechtfertigt, wie ich im folgenden erläutern möchte.

Kann man denn die obere Grenze eines "Normalwertes" (besser: Referenzbereiches) irgendwie beweisen? Dazu muss man wissen, wie Grenzwerte entstehen. Es gibt keine Studien, mit denen man etwas beweisen kann, sondern die Definition eines Referenzbereiches ist eine rein mathematische und damit im Prinzip vollkommen willkürliche Konstruktion. Dazu schaut man sich einfach eine genügend große Menge einer Menschengruppe an und bestimmt bei allen den TSH. Dann wird definiert: 95% all dieser Menschen habe einen "normalen" TSH, 5% liegen außerhalb. Man kann auch definieren, dass 97,5% drin und nur 2,5% draußen sind. Hat man eine genügend große Gruppe (z. B. 10.000), kann man damit eine Verteilungskurve erstellen und sagen, dass die 9500 in der Mitte liegenden Menschen "normale" Werte haben, und der Rest eben nicht.  

Das Problem ist aber, dass man nicht per Definition einen Menschen als "krank" oder "gesund" bezeichnen kann. Ist jeder Mensch mit Werten außerhalb des Referenzbereichs krank? Vermutlich nicht. Ist jeder Mensch innerhalb des Bereiches gesund? Vermutlich ebensowenig. Sagen kann man nur, dass die große Mehrheit derjenigen außerhalb eines Bereiches krank, und die große Mehrheit innerhalb des Bereiches gesund ist. Das gilt nicht nur für SD und TSH, sondern im Prinzip für absolut jeden Referenzbereich eines Laborwertes. Aber egal, wie man den Bereich definiert, an diesem Problem wird sich nichts ändern. Dazu kommt noch, dass manche Werte von der Tageszeit, vom Geschlecht, von der Landschaft bzw ethnischen Zugehörigkeit, dem Klima oder gar dem Sonnenlicht abhängen. 

Im Bewusstsein dieser Problematik ist eigentlich klar, dass es keinen Beweis für einen bestimmten Grenzwert geben kann, sondern dass dies letztlich immer eine Sache der Interpretation ist. So wird z. B. argumentiert, dass mit einem oberen Grenzwert von 2,5 mU/l mehr Kranke erfasst würden, andere Wissenschaftler jedoch argumentieren, dass dadurch auch mehr Gesunde zu Kranken gemacht würden. 

All dies wird seit Jahren wissenschaftlich diskutiert, und es ist keineswegs so, dass der Grenzwert von 2,5 "neuer und aktueller" sei. Er repräsentiert die Meinung einer Gruppe von Wissenschaftlern (im Jahr 2000 in einer medizinischen Fachzeitschrift veröffentlicht), während es eine noch größere Gruppe anderer Wissenschaftler gibt, die zu der Erkenntnis kommen, dass eine Absenkung des oberen Grenzwertes mehr Nachteile als Vorteile hätte (2002 veröffentlicht). 

Insofern wird die Diskussionen wohl noch eine Weile weitergehen. Das berechtigt jedoch keinesfalls zu der Argumentation, dass Ärzte, die vom höheren Grenzwert ausgehen, deswegen keine Ahnung hätten, oder nicht aktuell seien. Das ist pure Polemik, und ist nur ein Ersatz für fehlende sachliche Argumente. 

Und noch etwas möchte ich andieser Stelle klar zum Ausdruck bringen. Es gibt einige Foren und Homepages, deren einziges Ziel es ist, Betroffene in die Praxen einiger Ärzte zu treiben, die mit diesen wissenschaftlich unsauberen Aussagen viel Geld verdienen. Insbesondere ein Forum (für Hashimoto und Basedow) zeichnet sich hier durch oftmals falsche oder ungesicherte Aussagen aus, treibt Ärztehass und Vorverurteilungen. Das werde ich auch in Zukunft offen ansprechen und davor warnen.