Cholesterin wirklich senken?

Die positive Wirkung einer Cholesterinsenkung auf das „Verkalkungsrisiko“ gilt als unbestritten. Sogar die Nahrungsmittelwerbung mit Cholesterin senkender Margarine oder ähnlichem Joghurt ist auf den Zug voll aufgesprungen, wie wir täglich im Fernsehen zur besten Sendezeit erleben können. „Größen“ wie Paul Breitner oder Dieter Bohlen wollen uns das weismachen.

Aber stimmt das denn auch?

Nun, es gibt zahlreiche Studien, die den Einfluss nachweisen. Aber es gibt eben auch Studien, die das nicht konnten. Und wenn wir schon das Cholesterin senken wollen, wie weit denn dann? Und womit? Und wer sollte es machen, und wer nicht?

Dazu fertigt man Studien an, die einmal im Langzeitverlauf untersuchen, ob Menschen denn etwas davon haben, wenn sie das Cholesterin senken. Leben sie länger? Leben sie besser? Und jetzt kommt die Überraschung: Macht man eine Gesamtübersicht über alle (wissenschaftlichen!) Studien zum Thema Cholesterin, so lässt sich eben bis heute nicht nachweisen, dass eine Senkung des Cholesterins zu einer Verlängerung des Lebens, oder zur Verhinderung von Schlaganfall oder Herzinfarkt führt. Mit anderen Worten: möglicherweise ist der ganze Zirkus um „gesunde“ Margarine nichts weiter als ein Werbegag?

Erschreckend, nicht wahr? Und natürlich gibt es eine Studie, die den Einfluss der Margarine auf das Cholesterin nachgewiesen hat, und im Rahmen einer Diskussion um den Einfluss des Cholesterin würde man möglicherweise genau diese Studie zitieren, damit behaupten, der Nachweis der Cholesterinsenkung sei erbracht, und Ärzte hätten keine Ahnung.

Wissenschaftlich sollte man aber weiter denken. Macht es global Sinn, das Cholesterin zu senken? Anscheinend ja nicht, wie oben dargelegt. Warum also dann überhaupt noch Cholesterinsenker?

Nun, derzeit als gesichert gilt folgendes: Untersucht man nicht alle Menschen, sondern nur die Untergruppe derer, die eine koronare Herzkrankheit haben, einen Schlaganfall oder einen Herzinfarkt hinter sich hatten, so kommt man zu einem anderen Ergebnis (über alle derzeit verfügbaren wissenschaftlichen Studien): Hier profitieren die Betroffenen eben doch von einer Cholesterinsenkung durch Statine (wie z. B. Simvastatin), denn vergleicht man Menschen mit und ohne Statin-Einnahme in dieser Gruppe, so führt die Einnahme statistisch signifikant (!) zu einer Lebensverlängerung oder zu einem späteren Auftreten von neuen Ereignissen. Deswegen gibt man hier Statine zur Prävention.

Und wenn Sie jetzt erleichtert aufatmen und sich freuen, dass Sie nicht umsonst das Cholesterin senken, sind Sie mir bzw. der Komplexität der Wissenschaft erneut auf den Leim gegangen. Wie das?

Lesen Sie sich den letzten Abschnitt noch einmal durch. Dort lesen Sie, dass KHK-Patienten von einer Cholesterinsenkung profitieren. Aber nein, das steht da doch gar nicht. Da steht, dass sie von einer Cholesterinsenkung durch Statine profitieren. Das ist aber nicht ganz dasselbe. Denn wovon profitieren die Betroffenen, von der Cholesterinsenkung, oder von der Einnahme der Statine? Oder anders ausgedrückt: Haben die Statine vielleicht eine (noch unbekannte) Wirkung, die sich günstig auf unserer Leben auswirkt, und ist die Cholesterinsenkung vielleicht gar nur ein zufälliges Nebenergebnis?

Sie werden es nicht glauben, aber genau darüber wird derzeit geforscht. Wenn die Senkung des Cholesterins heilbringend wäre, müsste man eigentlich davon ausgehen, dass die Wirkung umso besser sei, je mehr das Cholesterin gesenkt wird – derzeitige Lehrmeinung. Wenn die Wirkung aber eher einem Effekt der Statine zuzuschreiben ist, wäre es ja egal, wie der Verlauf der Cholesterine ist, Hauptsache, man nimmt ein Statin ein. Und in der Tat ist es so, dass hier unter Experten noch Uneinigkeit besteht, weil die Datenlage (also die Summe aller Studien) eben noch kein eindeutiges Ergebnis bringen konnte, also bis heute gar nicht zweifelsfrei klar ist, ob Menschen mit maximal gesenktem Cholesterin länger leben als solche, die „nur“ ein Statin einnehmen.

Sollte aber gar nicht die Senkung des Cholesterins, sondern allein die Wirkung der Statine für die Lebensverlängerung zuständig sein, würde es also gar keinen Sinn machen, das Cholesterin zu senken, weder mit Joghurt oder Margarine, noch mit anderen (teilweise sehr teuren) Medikamenten zur Cholesterinsenkung.